Thomas Bernhards Heldenplatz im Spiegel der Presse
Die Öffentliche Meinung

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG ÜBER DIE BEVORSTEHENDE AUFFÜHRUNG VON "Heldenplatz", CLAUS PEYMANN ALS BURGTHEATERDIREKTOR, DIE AUFGABE DES THEATERS UND DESSEN SUBVENTIONIERUNG MIT STEUERMITTELN.
Um die in Österreich herrschende öffentliche Meinung zum Fall "Heldenplatz", zu Claus Peymanns Arbeit als Burgtheaterdirektor, der Aufgabe des Theaters und dessen Finanzierung zu rekonstruieren, wurden damals verschiedene Meinungsumfragen durchgeführt.
Durch einen Vergleich der öffentlichen mit der veröffentlichten Meinung kann festgestellt werden, ob bzw. wie stark das Wirklichkeitsbild, das von Medien geschaffen wird, von der Realität abweicht.

Insgesamt liegen aus dem Jahr 1988 und 1989 vier Untersuchungen über die Meinung der Österreicher zur bevorstehenden Aufführung von "Heldenplatz" und Claus Peymanns Arbeit als Burgtheaterdirektor vor. (16) Die "Vorarlberger Nachrichten", mit einem Exklusivleseranteil von 63% unter der über 14 Jahre alten Vorarlberger Bevölkerung, forderten ihre Leser dazu auf, ihre Meinung zum Thema "Heldenplatz - Wie weit darf die Freiheit der Kunst gehen?" bekannt zu geben. Die Resultate dieser Leserbefragung lagen schließlich am 31. 10. 1988 vor: Sie ergab, daß die jüngeren Leser die Aufführung des neuen Bernhard-Stücks befürworten, während die älteren sie ablehnten. In der Altersgruppe der bis zu 29 jährigen waren 50% gegen eine Finanzierung von Stücken wie "Heldenplatz" mit öffentlichen Mitteln, 55% traten für eine Aufführung ein. Unter den über 50 Jahre alten Lesern waren lediglich 6.5% einer Aufführung derartiger Stücke gegenüber positiv eingestellt. Insgesamt lehnten 71.5% ihrer Leser eine Aufführung ab. Nur 23% sprachen sich für eine Subventionierung aus.

Kurze Zeit vorher erhob die Zeitschrift "Basta" zusammen mit dem Gallup-Meinungsforschungsinstitut die Popularität Peymanns und die seines Spielplans. Die Resultate, die in völligem Widerspruch zu denen der "Vorarlberger Nachrichten" standen, wurden am 26. 10. 1988 veröffentlicht: Kurioserweise stimmten gerade 68% der Tiroler und Vorarlberger Bevölkerung für einen Verbleib Peymanns. Österreichweit forderten 60% Peymanns Ablöse als Burgtheaterdirektor, während sich 36% für einen Verbleib aussprachen. Auf die größte Ablehnung stieß Peymann bei den Wienern, von denen nur 22% für, aber 78% gegen seinen Verbleib waren.

Die dritte Untersuchung zu Bernhards "Heldenplatz" und Peymanns Tätigkeit als Direktor des Burgtheaters wurde von "Gallup" im Auftrag der "Wochenpresse" im Dezember 1988 durchgeführt. Sie ergab, daß Peymanns Arbeit bei jungen Leuten bis 30 (48%), bei Maturanten und Hochschulabsolventen (52%), in Orten mit bis zu einer Million Einwohnern (57%) und bei Sympathisanten der Grünen (58%) den größten Beifall fand. Je kleiner der Ort, desto unpopulärer ist Peymann bei der Bevölkerung.
Von der Richtigkeit einer "Heldenplatz" Aufführung waren die Altersgruppe der unter 30 Jährigen (59%), Maturanten und Akademiker (75%), 56% der Wiener Bevölkerung, 64% der Orte mit bis zu einer Million Einwohner und 79% jener, die "Grün" wählen, überzeugt.

Im April 1989 wurden die Ergebnisse einer im Dezember 1988 und Jänner 1989 von der Sozialwissenschaftlichen Studiengesselschaft durchgeführten Telefonumfrage publiziert.
Nach Ansicht von 54% der befragten 500 Personen sollte "Heldenplatz" aufgeführt werden, 13% waren für ein Verbot des Stücks.
60% der Theaterbesucher hielten die Aufführung für richtig, während 27% für ein Verbot eintraten. Von denjenigen, die kein Theater besuchten, waren 46% dafür, 34% dagegen. Auch dabei zeigte sich, daß sich besonders junge Leute im Alter von 16 bis 29 Jahren (76%) und Personen aus gehobenen Bildungsschichten /Matura, Hochschulstudium: 73%) positiv zur Aufführung des Bernhard-Stücks äußerten. Für ein Verbot der Aufführung waren vor allem Sympathisanten der FPÖ, Personen über 50 Jahre und Pensionisten.
49% der Befragten war bereit, einer Verlängerung von Peymanns Amtszeit zuzustimmen, 19% davon unter "gewissen Umständen", 34% lehnten seinen Verbleib ab. Diejenigen die eine Vertragsverlängerung in jedem Fall befürworteten, waren in erster Linie Personen in Ausbildung (60%), Sympathisanten der Grün-Alternativen (52%), Arbeiter (49%), Besucher des Volks- (47%), Burg- und Akademietheaters (43%) und Personen im Alter von 16 bis 29 Jahren (45%). Gegen eine zweite Amtszeit von Peymann sprachen sich Josefstadt und Kammerspielbesucher (56%), Sympathisanten der FPÖ (53%), die Altersgruppe der über 50 Jährigen (47%) und Pensionisten (46%), Sympathisanten der ÖVP (46%) und Pflichtschulabsolventen (45%) aus.

Ferner ermittelte die Umfrage auch die Meinung der Österreicher zu den Aufgaben des Theaters und der Unterstützung von Theatern mit öffentlichen Mitteln:
85% der Befragten erwarteten sich vom Theater Unterhaltung und Entspannung, 84% meinten, daß es "im Menschen den Sinn für das Gute und Schöne wecken" sollte, und 74% vertraten die Einstellung, daß es eine zeit und gesselschaftskritische Funktion zu erfüllen hätte.
Für eine Unterstützung der Theater mit Steuermitteln traten 78% der Theaterbesucher ein, während es bei den Nicht-Theaterbesuchern lediglich 62% waren, die eine solche befürworteten. 16% der Theaterbesucher und 25% derer, die kein Theater besuchen, standen einer öffentlichen Unterstützung ablehnend gegenüber, die übrigen konnten oder wollten diese Frage nicht beantworten, wobei der Anteil der Unentschlossenen bei denen, die kein Theater besuchen, mit 13% etwa doppelt so hoch war wie bei den Theaterbesuchern (6%).
Für eine Subventionierung von Theatern waren 98% der Grün-Alternativen und 80% der KPÖ Mitglieder. Den höchsten Anteil an Subventionsgegnern hat die FPÖ mit 41%, knapp gefolgt von der ÖVP mit 34%, weiters dagegen waren 21% der SPÖ Mitglieder und 14% derer, die sich zu keiner Partei bekannten.// Zusammenfassend kann nun festgehalten werden, daß mehr als die Hälfte der Befragten eine Aufführung des Stücks für richtig hielten und sich mit 13% nur ein geringer Prozentsatz für dessen Absetzung aussprach. Etwas schlechter Schnitt Peymann ab:
Mit 49% waren etwas weniger als die Hälfte für seinen Verbleib als Burgtheaterdirektor, während seine Gegner mit 34% weitaus zahlreicher als die der Aufführung waren.
Es kommt deutlich zum Ausdruck, daß in erster Linie jüngere Leute und Leute mit einem verhältnismäßig hohen Bildungsniveau positiv zu einer Aufführung von "Heldenplatz" und zu Peymann eingestellt waren.
Zur Schlussbemerkung

(16) Zusammengestellt aus: Montecuccoli Martina, "Freiheit der Kunst ja, aber ...", S. 31



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