Thomas Bernhards Heldenplatz im Spiegel der Presse
"Heldenplatz" und die Vorgeschichte

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Die Nachricht vom Tod Thomas Bernhards wurde erst mit viertägiger Verspätung, kurz nach der Beerdigung auf dem Grinzinger Friedhof in Wien, bekanntgegeben. Daß er an einer unheilbaren Lungenkrankheit litt, war kein Geheimnis, daß er sich dem Tod nahefühlte, mochte ahnen, wer ihn selbst in den letzten Jahren gesehen hat, oder Fotos von ihm, etwa die von der Premiere des Stückes "Heldenplatz" (November 1988). Zwei Tage vor seinem Tod traf Thomas Bernhard bei einem Notar in Salzburg seine letzte Verfügung. Sein literarisches Erbe betreffend heißt es im Testament vom 10. Februar 1989:
"Weder aus dem von mir selbst bei Lebzeiten veröffentlichten, noch aus dem nach meinem Tod gleich wo immer noch vorhandenen Nachlaß darf auf die Dauer des gesetzlichen Urheberrechtes innerhalb der Grenzen des österreichischen Staates, wie immer dieser Staat sich kennzeichnet, etwas in welcher Form immer von mir verfaßtes Geschriebenes aufgeführt, gedruckt oder auch nur vorgetragen werden.
Ausdrücklich betone ich, daß ich mit dem österreichischen Staat nichts zu tun haben will und ich verwahre mich nicht nur gegen jede Einmischung, sondern auch gegen jede Annäherung dieses österreichischen Staates meine Person und meine Arbeit betreffend in aller Zukunft. Nach meinem Tod darf aus meinem eventuell gleich wo noch vorhandenen literarischen Nachlaß, worunter auch Briefe und Zettel zu verstehen sind, kein Wort mehr veröffentlicht werden."
(1)

Nach seinem Tod wollte Thomas Bernhard sein Werk dem österreichischen Staat entziehen.
Er inszenierte testamentarisch eine "posthume literarische Emigration"(2), wie er wörtlich gesagt haben soll. Eine "literarische Emigration", die unmittelbar im Gefolge des Jahres 1988 , dem sogenannten Bedenkjahr in Österreich, das der Erinnerung an die rassische und politische Verfolgung nach dem Anschluß Österreichs an Hitler - Deutschland im März 1938 diente, eine hintergründige historische Bedeutung annehmen mußte. Ging es doch auch in seinem letzten Theaterstück, Heldenplatz (1988), Bernhards Beitrag zum Gedenkjahr und zur Hundertjahrfeier des Wiener Burgtheaters, um die Emigration einer jüdischen Professorenfamilie, diesmal aus dem Österreich des Jahres 1988. Und gerade "Heldenplatz" hatte den Anlaß zu einer in der Zweiten Republik beispiellosen Erregung in den Medien und der politischen Öffentlichkeit gegeben. Auf einmal standen die Forderungen nach einem Boykott der Aufführung und der Vertreibung des Autors im Raum, als hätte das Theater die Wirklichkeit dazu bringen können, die provokante Behauptung im Stück, 1938 und 1988 seien austauschbar, unter Beweis zu stellen. Nach Heldenplatz, im Endstadium seiner schweren Herz - und Lungenkrankheit, hat Bernhard "auch nicht mehr schreiben können. Nach "Heldenplatz" war´s vollkommen aus."(3)
Dieses Drama als letztes literarisches Werk und das Testament als letzte Verfügung über sein Werk erhalten somit einen besonderen Stellenwert. Bei einem Autor, der jahrzehntelang Hinterlassenschaften, Nachlässe und testamentarische Verfügungen zu seinem literarischen Thema gemacht hatte, war damit zu rechnen, daß auch sein eigenes Testament ein Kunstwerk darstellen würde. Einen komischen Hintersinn enthält die letzte Verfügung des Autors ja schon allein dadurch, daß sie unablässige Rechtsstreitigkeiten, immer neue Ausdeutungen, Umgehungen und Verstöße gegen seinen letzten Willen geradezu vorprogrammiert. So müssen nun die Gerichtsprozesse, die früher gegen den Autor angestrengt wurden, von Thomas Bernhards Nachlaßverwaltern fortgesetzt werden.
Der im Testament angesprochene österreichische Staat war immerhin der politische Raum, innerhalb dessen Grenzen, Bernhards verschiedene Formen des literarischen "Staatsstreichs" ihren anerkannten Platz einnahmen und ein Publikum fanden, mit dem er stets die Lacher auf seiner Seite hatte. Mitte der siebziger Jahre, spielte man im Unterrichtsministerium sogar mit dem Gedanken, Thomas Bernhard zum Direktor des renommiertesten österreichischen Staatstheaters, des Wiener Burgtheaters zu machen.
"Heldenplatz" wurde im Burgtheater aufgeführt, dem ehemaligen k.k. Hofburgtheater der Habsburger Residenz. Bis in die Gegenwart ist diesem Theater eine repräsentative kulturelle Bedeutung erhalten geblieben. Die Verbindung zum Staat und zu den großen Staatsakten ist an seiner Lage in unmittelbarer Nachbarschaft zu Hofburg und Heldenplatz abzulesen. Und genau in diese kulissenhafte Wiener Regierungs- und Geschichtsarchitektur hat Bernhard den Schauplatz seines Stückes "Heldenplatz" hineinverlegt. Die Frau des eben beerdigten jüdischen Professors - das Stück spielt nach einem Selbstmord und im Anschluß an das Begräbnis - kann das Geschrei der Massen auf dem Heldenplatz, das Trauma aus dem März 1938, nicht mehr aus dem Kopf bringen. Im Massengeschrei vom Heldenplatz herauf, das am Ende des Dramas bis an die Grenze des Erträglichen anschwillt, bricht sie tot am Tisch zusammen.
Das große Medienspektakel um Bernhards Stück entzündete sich aber nicht an dem Heldenplatz Trauma, sondern an den Österreich - Beschimpfungen, einer Art literarisches Gegenstück zu den Lobreden auf Österreich im Werk des österreichischen Burgtheater - Klassikers Franz Grillparzer: "es ist ein gutes Land" - Grillparzer; "in Österreich ist alles immer am schlimmsten gewesen" - Bernhard.
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(1) Hans Höller, "Thomas Bernhard", Rowohlt, S. 7
(2) Peter Fabjan im Gespräch mit Karl Woisetschläger, in: Dreissinger: Portraits, Weitra, 1992, S. 316
(3) "Heldenplatz - Eine Dokumentation", Burgtheater Wien, S. 85




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